Meine linke Hand

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Linkshänderin
Der Unfall
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        Die Kurzfassung:

        Ich war beim Motorrad fahren unaufmerksam, habe eine Warnbake an einem Autobahnkreuz gestreift, und mir dabei zwei Finger gebrochen.


        Die lange Fassung:

        Der Handschuh

        Im Sommer 1995 brauchte ich neue Motorradhandschuhe; einen dünneren Handschuh für den Sommer. In einem kleinen Zubehör-Laden schaute ich mir einige Modelle an. Zu der Zeit waren gerade neue Modelle mit kleinen Polstern aus Gel oder stoßabsorbierendem Schaum auf den Fingerteilen neu rausgekommen. Wegen der anscheinend größeren Sicherheit liebäugelte ich mit einem solchen Modell, war jedoch wegen des höheren Preises unschlüssig. Der Verkäufer, mit dem ich mich unterhielt, meinte dann, dass diese Polster auf der Handoberfläche eigentlich nutzlos wären. Bei den allermeisten Unfällen stürzt man nämlich und versucht dabei, den Sturz mit ausgebreiteten Händen abzufangen. Gefährdet sei also nicht die Außen- sondern vielmehr die Innenseite. Das leuchtete mir ein, und so kaufte ich mir einen "normalen" Handschuh.

        Das neue Motorrad
        Seit zwei Jahren fuhr ich eine Honda CB 500, als ich feststellte, dass der Motor Öl verbrannte. Da von meinem Händler kein Motor-Schaden festgestellt werden konnte, wäre die Ursache nur durch komplettes Auseinandernehmen des Motors herauszufinden. Da zwei Jahre eine gute Zeit sind, um ein Motorrad zu verkaufen, und Honda überdies gerade ein neues Modell herausgebracht hatte, das zudem günstiger war als der Preis, den ich damals für das ältere Modell bezahlt hatte, gab ich meine dunkelgrün-metallic-farbene Honda in Zahlung, und kaufte mir das gleiche Modell noch einmal in Schwarz.

        Wie es dazu kam
        Etwa fünf Tage, nachdem ich mein neues Motorrad erworben hatte, beschloss ich, mir die Fachhochschule anzusehen, die ich ab dem Herbst dieses Jahres besuchen wollte. Ich weiß noch, dass ich daran dachte, wie es wäre, einen Unfall zu haben, während ich meine Motorradkleidung anzog, und ich hoffte, daß sie in so einem Fall nicht meine teure Schutzkleidung entzwei schneiden würden... ;-)

        Ich verbrachte den Nachmittag dann auf der Autobahn, auf der vergeblichen Suche nach der richtigen Autobahn und Ausfahrt. Damals kannte ich mich auf den Autobahnen rund um Köln noch nicht aus, und die vielen Autobahnen auf einem Fleck, und die undurchsichtige Struktur brachten mich total durcheinander. Ich sage nur A3/A4 und Heumarer Dreieck... Es war ein sehr warmer Tag, und das ständige Hin- und Her-, im Kreis und Hin-und-zurück-fahren machte mich müde; darüberhinaus gibt es wohl nichts langweiligeres als Autobahn fahren mit dem Motorrad (wenn man nicht gerade 240 km/h fährt). Irgendwann beschloss ich, es aufzugeben, und wieder nach Hause zu fahren. Ich kam von der A1 aus südlicher Richtung, und fuhr Richtung Oberhausen. Ich zuckelte auf der rechten Spur mit 90 km/h direkt hinter einem Lkw her, und war müde und unaufmerksam. Plötzlich fiel mir auf, dass die weißen Streifen links von mir kürzer und dicker wurden; ich befand mich auf der Ausfahrt zur A3. Da wollte ich nicht hin, und so blickte ich über die linke Schulter, um die Spur zu wechseln. Zu spät. Ich spürte einen Aufprall, die Maschine geriet unter mir ins Schlingern; ich hielt mich krampfhaft am Lenker fest, und hatte das Glück, nicht zu stürzen. Sobald die Maschine sich wieder beruhight hatte, fuhr ich rechts ran.

        Was genau in dem Moment des Unfalls passiert war, habe ich mir erst Jahre später so richtig erklären können: Die Autobahn teilte sich an genau dieser Stelle, und die Leitplanken begannen. Vor den Leitplanken steht immer eine rotweiße Bake. Damit muss ich kollidiert sein, als ich gerade nicht hinschaute.

        Nachdem ich angehalten hatte, wurde mir sofort klar, dass ich mir die linke Hand bzw. einige Finger davon gebrochen hatte. In dem Moment machte ich mir allerdings mehr Sorgen um mein brandneues Motorrad. Der Schaden war gottseidank nicht so gross: Eine Armatur war locker, ebenso die Befestigung des Spiegels. Ein Blinker war kaputt, und auf dem vorderen Seitenteil war der Lack abgeschrammt; alle Schäden an der linken Seites des Motorrads.

        Okay, also meine Finger waren gebrochen und sahen etwas komisch in dem Handschuh aus, aber die Schmerzen waren in dem Moment nicht so besonders gross. In meinem Schockzustand beschloß ich, nach Hause zu fahren. Das war eine ziemlich blödsinnige Idee. Ich hätte von einer Notrufsäule aus einen Krankenwagen rufen sollen. Da ich im ADAC war, hätte mir dieser sogar das Motorrad zumindest bis in die nächste Werkstatt gebracht, so daß ich mir auch darum keine Sorgen hätte machen müssen. Aber ich wollte nach Hause, und so fuhr ich wieder los.

        Unter Schmerzen schaffte ich es, erst den ersten Gang einzulegen, und danach in den sechsten hochzuschalten. Bei einem Motorrad kann man nicht vom ersten Gang direkt in den sechsten Gang wechseln; man muss gangweise hochschalten. Da ich dazu jedes Mal mit der linken Hand die Kupplung ziehen musste, war das nicht sehr angenehm, aber so gerade eben noch zu schaffen. Die weitere Fahrt gestaltete sich nicht sehr problematisch; es war später Nachmittag an einem Wochenende, und auf der Autobahn war nicht viel los, so dass ich ohne erneut schalten zu müssen im sechsten Gang auf der rechten Spur dahin zockeln konnte.

        Von der Autobahnabfahrt schaffte ich es noch auf die Hauptstraße, wo ich wegen einer roten Ampel wieder herunterschalten musste. Als es wieder grün wurde, gelang es mir auch noch, wieder den ersten Gang einzulegen, aber die Schmerzen machten mir nun unmissverständich klar, dass ich weitere Schaltvorgänge damit nicht durchstehen würde. Ich lenkte die Maschine auf einen kleinen Seitenstreifen, der sich zufällig an dieser Stelle neben der Straße befand. Ich stieg ab, und zog mir den linken Handschuh aus. Gut, dass ich das nicht früher getan hatte; oder eher schlecht, weil ich dann wahrscheinlich nicht auf die wahnwitzige Idee gekommen wäre, nach Hause zu fahren. Der kleine und der Ringfinger meiner linken Hand waren im ersten Glied nach der Handfläche gebrochen; die zwei oder drei Zentimeter kurzen Knochen waren v-förmig nach unten geknickt, und ein wenig Blut - nicht viel - war geflossen. Es war kein schöner Anblick. Ich überquerte die Straße, weil auf der anderen Seite ein paar Häuser standen, und zufällig trat gerade jemand aus der Tür, auf die ich zuging. Mein Anliegen war offensichtlich. Nachdem der Hausherr mich zunächst hereingebeten hatte, um sich umzuziehen, waren wir kurze Zeit später auf dem Weg ins städtische Krankenhaus.

        Dort versuchte man zunächst vergeblich, meine Eltern oder Nachbarn zu erreichen. Als ich aus der OP wieder aufwachte, stand dann aber meine Mutter am Bett.

         Nachsorge
        Es stellte sich heraus, dass ich am Ringfinger einen offenen Splitterbruch hatte, am kleinen Finger einen Splitterbruch, außerdem waren die Mittelhandknochen dieser beiden Finger kurz hinter dem Handgelenk gebrochen.

        Hier sollte ich wohl noch einmal den genauen Verlauf des Unfalls erklären: Ich war mit der Bake zusammengestossen, und das gottseidank nicht vollkommen frontal. Ich streifte die Bake vielmehr rechtsseitig, und zwar dergestalt, dass der Kupplungshebel mit dem Schild zusammen stieß, und dadurch an den Griff gepreßt wurde. Nun sind meine Finger nicht so furchtbar lang. Normalerweise sollte man die Finger immer auf dem Kupplungs- und Bremshebel liegen haben, damit man jederzeit schnell reagieren kann. Da die Hebel gebogen sind, ist das Ende aber noch ein Stück weiter weg als der Anfang, so dass ich meist nur den Zeige- und Mittelfinger darauf liegen habe, während kleiner Finger und Ringfinger auf dem Griff ruhen. Der Anpressdruck des Hebels hat mir darum die Knochen an genau dieser Stelle gebrochen. Durch die Vorwärtsbewegung des Motorrads wurde der Hebel ausserdem nach unten gerissen, und ich vermute, dass deswegen auch die Knochen der Mittelhand gebrochen wurden.

        Die Splitterteile aus dem Ringfinger wurden entfernt, und alle Bruchstellen wurden mit einer Art dünner Nägel fixiert. Diese Nägel verliefen jeweils vom  Fingergelenk aus nach innen die Finger entlang, zwei Nägel hatte ich seitlich in der Mittelhand.

        Nach sechs Wochen stellte sich heraus, dass das entstandene Loch im Knochen des Ringfingers nicht wieder zuwuchs; es bildete sich kein neuer Knochen. Also musste ich nochmal ins Krankenhaus; diesmal in eine Klinik in Leverkusen, deren Professor auf Klein- und Handchirurgie spezialisiert ist. Dort wurde eine sog. Spongiose-Plastik durchgeführt. Dabei wird aus dem Kamm des Beckenknochens eine kleine Menge Knochenmark entnommen, das dann in den Ringfinger eingesetzt wurde. Die im Knochenmark enthaltenen Stammzellen bilden dabei den Grundstock eines sich dann neu bildenden Knochens. Zur Fixierung wurde eine dünne Stahlplatte zwischen Knochenmark und Haut befestigt. Diesmal klappte es, und nach weiteren sechs Wochen konnte mir die Platte wieder herausoperiert werden.

        Wie ist es jetzt?
        Wahrscheinlich durch die lange Ruhigstellung ist das erste Gelenk des kleinen Fingers vollkommen steif geworden, so dass ich den Finger nicht ganz durchstrecken kann.

         Den Ringfinger kann ich aus eigener Kraft ebenfalls nicht mehr strecken, passiv ist diese Streckung aber weiter möglich. Meine Ergotherapeutin sagte, das läge an der Durchtrennung der Ringsehne; mein Arzt ist der Meinung, dass die Sehnen mit der Narbe verklebt sind. So oder so lässt sich wohl nichts mehr daran ändern; ausser vielleicht durch eine weitere Operation mit einem noch besseren Spezialisten.

        Wenn ich mit der linken Hand lange, dünne Gegenstände über längere Zeit halte, tut mir die Seite der Hand weh, dort, wo die Mittelknochen gebrochen waren. Dies ist z.B. beim Schreiben mit der linken Hand der Fall, oder wenn ich einen Suppenlöffel halte.

        Eine sehr lange Zeit war die Seite extrem druckempfindlich; meine Krankengymnastin sagte, dies käme von einer Knochenhautreizung oder -entzündung. Das ist mit der Zeit besser geworden, aber auch heute noch spüre ich einen sehr stechenden Schmerz, wenn ich zufällig mit der Seite der Hand hart aufstosse.

        Dass ich die Finger nicht richtig durchstrecken kann, macht ansonsten keine großen Probleme. Sogar das Schreibmaschineschreiben klappt noch genauso schnell wie vorher. Nur beim Anziehen von (Motorrad-) Handschuhen brauche ich etwas länger; und das Nägelschneiden ist etwas schwieriger geworden.

        Abgesehen von ein paar dünnen Narben auf der Handoberfläche ist äußerlich davon nichts zu sehen. Bei Kälte werden die Narben bläulicher; und die Narbe auf dem Ringfinger ist etwas dicker als die übrigen, weil dort zweimal operiert werden musste. Einen Ring werde ich am Ringfinder der linken Hand nicht mehr tragen können, weil der Knochen dicker nachgewachsen ist.

         Alles in allem kann ich mich nicht beklagen; mit den entstandenen Einschränkungen kann ich leben. Wenn man bedenkt, wie der Unfall verlaufen ist, hätte es weit schlimmer kommen können. Wenn ich wirklich frontal mit dem Schild zusammengestossen wäre, anstatt es nur zu streifen, wäre ich schwer gestürzt, und das direkt vor einer Leitplanke... Da hätte weiß Gott was passieren können. Ich habe sehr, sehr großes Glück gehabt, und kann jetzt zweimal im Jahr Geburtstag feiern.

        Eine Zeitlang habe ich mich geärgert, dass ich mir damals nicht doch einen von diesen finger-schützenden Handschuhen gekauft habe. Inzwischen ärgere ich mich aber nicht mehr darüber. Der Bruch hätte dadurch auch nicht verhindert werden können. Wenn ein weicher Gegenstand - wie hier mein Finger - zwischen zwei festen Gegenständen - Kupplungshebel und Griff - eingequetscht wird, dann hilft es nichts, nur auf einer Seite ein Polster dazwischen zu legen. Die andere Seite ist dann ja immer noch ungeschützt, und die Schädigung wird dann von der schwachen, ungeschützten Stelle ausgehen.

         Motorrad fahre ich weiterhin; kaum ein Jahr später habe ich einen zweiwöchigen Motorrad-Urlaub in den Alpen gemacht. Bilder und die Beschreibung davon findest du hier.

Letzte Aktualisierung: 14.04.2004 - Impressum + Kontakt