Desiderata - die wahre Entstehungsgeschichte
Vor einigen Jahren sah ich bei einem Freund zum ersten Mal eine Reproduktion des Textes, den ich jetzt als Desiderata kenne. Er gefiel mir auf Anhieb, und mein Freund, der das schon öfter erlebt hatte, gab mir eine vorbereitete Kopie, die heute in meiner Wohnung an der Wand hängt.
Als ich vor längerer Zeit den ersten Satz dieses Textes in eine Suchmaschine eingab, erfuhr ich den Titel, unter dem der Text bekannt ist - "Desiderata" - und ich erfuhr noch mehr.
Aus gegebenem Anlass möchte ich darauf hinweisen, dass ich die folgenden Informationen nicht selbst herausgefunden habe, sondern nur von anderen Websites erfahren habe, und hier in eigenen Worten wiedergebe. Ich habe keine eigene Recherche betrieben. Die Websites, die ich damals als Quelle benutzt habe, sind leider heute nicht mehr erreichbar, aber wer einfach das Stichwort "Desiderata" bei einer beliebigen Suchmaschine eingibt, wird vermutlich zig ähnliche Seiten finden.
Die meisten Reproduktionen geben als Herkunftsangabe "Gefunden in der Alten St. Pauls Kirche, Baltimore, 1692" an. Der Text stammt jedoch nicht aus dem siebzehnten, sondern aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wie genau dieser Irrtum in die Welt gesetzt wurde, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, aber man nimmt an, dass es sich so zugetragen hat:
Pfarrer Frederick Ward Kates war von 1956 bis 1961 Pfarrer in der Gemeinde Old St. Paul´s in Baltimore. Er war früher bei einer Zeitung tätig, und liebte den Umgang mit Texten immer noch. Besonders gerne sammelte er inspirierende Essays, Gedichte und Zitate. Von Zeit zu Zeit, besonders zur Fastenzeit, stellte er diese gesammelten Texte in kleinen Broschüren zusammen, die er vervielfältigen und binden ließ. Diese Anthologien legte er für die Besucher der Gemeinde zur kostenlosen Mitnahme auf den Kirchenbänken aus.
Wahrscheinlich im Jahre 1956 war darin auch der Text namens Desiderata enthalten. Einem Besucher der Gemeinde muss dieser Text so gut gefallen haben, dass er ihn später reproduzieren ließ. Die Besonderheit liegt nun im Detail: Desiderata war offensichtlich auf die Titelseite der Broschüre gedruckt worden, denn auf dieser wurde auch immer der Name der Gemeinde und ihr Gründungsdatum angegeben, eben das bekannte "Old Saint Paul´s Church, Baltimore, 1692".
Beim Anfertigen der Kopien wurde dies nun wohl fälschlicherweise als Autorenangabe missverstanden, und dieser Fehler hat sich bis heute in der ganzen Welt verbreitet. Auch der Name Desiderata stammt nicht vom ursprünglichen Autor.
Wer aber ist der wahre Autor? Auch das konnte geklärt werden: Es ist ein früherer Rechtsanwalt aus Terre Haute, Indiana, namens Max Ehrmann. Ehrmann wurde 1872 geboren, trat 1894 in die Harvards School of Philosophy ein und studierte dort Philosophie und Recht. Er schrieb sechs Bücher innerhalb von zehn Jahren, bevor ihm klar wurde, dass er davon nicht leben konnte, und eine Laufbahn als Rechtsanwalt einschlug. Er brachte es bis zum stellvertretenden Generalstaatsanwalt, bevor er 1945 starb. Desiderata wurde erst drei Jahre nach seinem Tode veröffentlicht, und zwar in einer Anthologie seiner Gedichte, die von seiner Witwe herausgegeben wurde, und noch heute bei der Bruce Humphries Publishing Company in Boston für 4,50 Dollar erhältlich ist.
Auch die Geschichte des Copyrights an Desiderata ist fast einen eigenen Film wert: Nach dem Tode Max Ehrmanns ging das Copyright (Nr. 962402) zunächst auf seine Witwe über, die es 1954 noch einmal erneuern ließ, bevor es nach ihrem Tode im Jahr 1962 auf ihren Neffen, Richmond Wright, überging. Dieser verkaufte die Veröffentlichungsrechte (nicht das Copyright) an den Bruce Humphries (an anderer Stelle auch: Crescendo) Verlag, dessen Leiter damals Robert L. Bell war. Der Verlag litt unter starker Geldnot, und schuldete Mr. Bell 16.000 Dollar an Gehalt, was diesen in eine missliche Lage brachte, da er eine Frau und vier Söhne versorgen musste, von denen einer studierte. Er willigte ein, die Veröffentlichungsrechte an Desiderata gegen seine Schuldscheine einzutauschen. Danach kratzte er alles Geld zusammen, das er bekommen konnte, und kaufte Richmond Wright auch das Copyright an Desiderata ab.
Doppelt hält besser, darum hier auch noch mal der Hinweis: Die oben dargestellen Informationen habe ich nicht selbst herausgefunden. Mein Text ist eine gekürzte Zusammenfassung von Informationen, die ich auf anderen Websites erfahren habe. Leider sind meine ursprünglichen Quellen nicht mehr im Internet vertreten. Es gibt jedoch zahlreiche andere Websites, auf denen die oben erzählte Geschichte ebenfalls verbreitet wird. Wenn du das Stichwort "Desiderata" in eine x-beliebige Suchmaschine eingibst, wirst du jede Menge von ihnen finden.